„Lobhudelei hilft uns nicht weiter“

Aus der Offenbach Post:
Offenbach ‐ Seit 50 Tagen ist Steffen Menze Cheftrainer der Offenbacher Kickers. Der 40-jährige, der in Seligenstadt wohnt, ist in fünf Spielen ungeschlagen geblieben, hat die Kickers an die Tabellenspitze geführt. Vor dem Heimspiel gegen den SV Sandhausen sprach Jochen Koch mit dem Kickers-Trainer.

Steffen Menze, fünf Spiele ungeschlagen und Tabellenführer, ein Start nach Maß?

Ja, kann man so sagen. Ich bin sehr zufrieden mit dem bisherigen Verlauf. Aber das ist kein Grund, sich zurückzulehnen. Wir haben jetzt ein gewisses Grundniveau, das gilt es zu halten.

Wie hat die Mannschaft den Trainerwechsel verarbeitet?

Da bin ich hochzufrieden. Alle ziehen bestens mit. Die Einstellung ist absolut okay.

Wie ist für Sie der Übergang vom Co-Trainer zum Cheftrainer verlaufen?

Ich hatte vorher schon einen guten Bezug zur Mannschaft. Die Offenheit den Spielern gegenüber will ich auch als Cheftrainer beibehalten. Ich führe jetzt noch mehr Gespräche mit den Spielern, um reinzuhören und ihnen ein Feedback zu geben. Ein Trainer muss kritisieren, um Fehler abzustellen. Das kann man machen, indem man die Spieler zusammenschreit, oder ihnen glaubhaft aufzeigt, wie sie sich verbessern können. Die zweite Variante halte ich für den besseren Weg, wenn man beim Spieler selbst die Überzeugung zur Verbesserung weckt.

Was haben Sie als Nachfolger von Hans-Jürgen Boysen alles verändert?

Im Training einiges. Wir haben die Intensität insgesamt erhöht. Kraftarbeit haben wir reduziert, arbeiten mehr für Schnelligkeit und Sprungkraft. Und wir haben den Mannschaftsgedanken in den Vordergrund geschoben.

Was heißt das konkret?

Dass nicht nur die Stammspieler wichtig sind. Wenn ein wichtiger Spieler, wie jetzt Steffen Haas, ausfällt, wird nicht gejammert, sondern wir konzentrieren uns auf die Spieler, die nachrücken. Deren Stärken können uns auch helfen.

Personell haben Sie die linke Seite mit Mounir Chaftar, der bei Boysen nicht mehr im Kader stand, neu besetzt. Sind sie mit ihm zufrieden?

Nach einer für ihn schwierigen Zeit hat er seine Chance genutzt. Aber der Konkurrenzkampf ist nicht außer Kraft gesetzt. Das gilt für alle. Wir verzeihen Schwächen, aber jeder Spieler muss einen gewissen Druck verspüren, dass es hinter ihm, von der Bank, Alternativen gibt.

Haben Sie diese Alternativen aufgrund der Verletzungsmisere in ausreichendem Maß?

Wir haben im Moment in der Breite ein Problem bekommen. Die Verletzungsmisere gerade bei unseren jungen Spielern ist schon eklatant. Aber jammern hilft nicht weiter. Natürlich hätten wir gerne mehr junge Spieler, die nicht nur wegen des U23-Status dabei sind. Aber dafür bekommen wir in den nächsten Monaten aus dem Verletzten-Kontingent einige gute Neuzugänge zurück.

Die Kickers haben in den ersten zwölf Spielen sieben Gegentore kassiert. In den letzten fünf Spielen waren es auch sieben. Welche Erklärung haben Sie dafür?

Das 3:3 gegen Wehen Wiesbaden war eine Ausnahme. So etwas kann passieren. Wir wollen mehr Initiative nach vorne ergreifen, da müssen wir vielleicht noch die richtige Balance mit der Defensive finden. Das ist sicher ausbaufähig.

Wehen Wiesbadens Trainer Hans-Werner Moser hat Offenbach als beste Mannschaft der 3. Liga bezeichnet. Teilen Sie diese Einschätzung?

Lobhudelei hilft uns nicht weiter. Ich habe gerade die Videoanalyse vom 3:3 zusammengeschnitten. Da ist das Verhältnis von guten zu schlechten Aktionen 1:3. Da sieht man, dass wir noch viel Arbeit vor uns haben.

Sind die Kickers noch keine Spitzenmannschaft?

Wir sind eine von den besseren Mannschaften, aber nicht viel besser als andere. In dieser ausgeglichenen Liga entscheiden in jedem Spiel Kleinigkeiten über Sieg oder Niederlage.

Kickers-Mittelfeldspieler Stefan Zinnow hat Offenbach als würdigen Spitzenreiter bezeichnet. Hat er recht?

Zur Zeit haben wir den Platz in der Spitzengruppe verdient. Aber auch Stefan Zinnow muss klar sein, dass das nicht dauerhaft ist, wenn wir nur ein kleines bisschen weniger Gas geben.

Haben Sie Angst vor dem ersten Rückschlag?

Nein, wir werden auch damit richtig umgehen.

Was ist Ihr Ziel für die vier Spiele bis zur Winterpause?

Wir wollen in der Spitzengruppe bleiben. Das kann Platz eins, das kann Platz drei sein. Unser Programm ist schwierig. Sandhausen, dann zwei Auswärtsspiele in München und Aue, dann gegen Erfurt. Hochrechnungen ersparen wir uns.

Die Kickers waren eineinhalb Jahre Jäger, standen nie auf einem Aufstiegsplatz. Seit vier Wochen sind sie Tabellenführer. Wie geht die Mannschaft mit dieser neuen Rolle um?

So etwas vermittelt mehr Selbstvertrauen, aber das muss man jede Woche mit Leistung unterlegen. Wir versuchen, uns so lange wie möglich auf dieser Erfolgswelle zu halten. Dafür ist viel Leidenschaft und Einsatzwille nötig.

Am Samstag geht es gegen den SV Sandhausen, der in den letzten acht Spielen nur einmal gewonnen hat.

Die Bilanz täuscht. Sandhausen ist eine Spitzenmannschaft mit großen Ambitionen. Da wird eine komplett andere Mannschaft als zuletzt spielen, weil gesperrte und verletzte Spieler wieder dabei sind. Das wird ein äußerst unbequemer Gegner.

Der letzte Saison in Offenbach 3:0 gewonnen hat.

Das habe ich ständig im Hinterkopf.

Sie haben einen Vertrag als Cheftrainer bis Saisonende. Gab es schon Gespräche über die Zukunft?

Nein. Darüber habe ich nie nachgedacht. Es wäre auch müßig, das zum jetzigen Zeitpunkt zu tun.

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