Fürs neue Stadion müssen Profis raus

Aus der Offenbach Post:
Offenbach ‐ In England, dem Mutterland des Fußballs, war man schon immer weiter. Der englische Fußball-Verband hat schon im vorletzten Jahrhundert, im Jahr 1896, den heimischen Klubs die Umwandlung in eine Kapitalgesellschaft erlaubt. Bei dem mittlerweile 108 Jahre alten Traditionsverein Kickers Offenbach soll am Montag, 30. November, eine neue Ära eingeleitet werden. Auf der Jahreshauptversammlung entscheiden die derzeit 1800 Mitglieder des Fußball-Drittligisten über die Ausgliederung der Profiabteilung in eine Kapitalgesellschaft, eine Gesellschaft mit beschränkter Haftung (GmbH). Von Jochen Koch

Was nach einer Formalie klingt, hat für die Kickers existenzielle Bedeutung. Denn nur wenn zwei Drittel der anwesenden Mitglieder der Ausgliederung zustimmen, wird es in den nächsten Jahren ein neues Fußball-Stadion in Offenbach geben. Die Stadt Offenbach hat die Finanzierung des rund 25-Millionen Euro teuren Neubaus, für den das Land Hessen zwölf Millionen beisteuert, an die Umwandlung der Profi-Abteilung gekoppelt. „Ohne diese Ausgliederung wird es kein neues Stadion geben“, macht Kickers-Vizepräsident Thomas Kalt deutlich.

Beim OFC soll nur die Profimannschaft ausgegliedert werden. Die zweite Mannschaft (Hessenliga) und alle Jugendmannschaften sowie die übrigen Abteilungen (Handball, Boxen) bleiben im eingetragenen Verein (e.V.). Wenn die Kickers-Mitglieder für die Umwandlung stimmen, soll eine Arbeitsgruppe bis zu einer außerordentlichen Mitgliederversammlung im April 2010 den exakten Grundlagenvertrag zwischen der GmbH und dem Verein ausarbeiten, der zur neuen Saison 2010/11 in Kraft treten soll. Die GmbH soll ein Stammkapital von einer Million Euro erhalten. In der Bundesliga und 2. Liga schreibt die Deutsche Fußball-Liga (DFL) ein Stammkapital von 2,5 Millionen Euro vor. Das können auch Sachwerte sein, zum Beispiel das Stadion. Im Offenbacher Grundlagenvertrag muss geregelt werden, wie Verbindlichkeiten und Darlehen (hauptsächlich bei privaten Gönnern) übernommen und zurückgezahlt werden. Auch die finanzielle Unterstützung für U23, Jugendteams und Abteilungen muss festgelegt werden.

Die Mitgliederversammlung wird auch weiter das ehrenamtliche Präsidium wählen, das dann den hauptamtlichen Geschäftsführer der GmbH bestimmt. „Überwacht“ wird die GmbH von einem Aufsichtsrat. Der Vorstand will der Versammlung dafür sieben Personen vorschlagen: Jeweils zwei Vertreter des Präsidiums und des Verwaltungsrates, ein Vertreter des Hauptsponsors, der Stadt Offenbach und ein Fanbeauftragter.

Aus wirtschaftlicher Sicht spricht nahezu alles für eine Umwandlung der Fußball-Abteilung in eine Kapitalgesellschaft, wie sie die Bundesliga seit 1998 erlaubt. Mit einer GmbH wird das wirtschaftliche Risiko für den Verein und das Präsidium verringert. So haftet der Vorstand eines Vereins persönlich bei Verletzungen der Steuergesetze. Im Falle einer Insolvenz der Profi-Abteilung bliebe der Hauptverein weiter bestehen und die übrigen Mannschaften könnten ihren Spielbetrieb fortsetzen.

Bei höherklassigen Fußball-Vereinen droht immer wieder der Verlust der Gemeinnützigkeit, weil die Steuerbehörden manchmal der Meinung sind, der Profisport sei bedeutender als der Amateur- und Breitensport. Auch bei Kickers Offenbach ruht derzeit die Gemeinnützigkeit. Das heißt, Spenden für die Jugendabteilung können nicht von der Steuer abgesetzt und Zuschüsse von Verbänden nicht abgerufen werden. Daher gliedern Vereine die Profis aus und kümmern sich selbst um Amateur- und Breitensport. Die meisten Bundesligisten (elf) sind inzwischen Kapitalgesellschaften. „Ich empfehle jedem Verein, den Profibereich in eine Kapitalgesellschaft auszugliedern“, sagt Stefan Ludwig, Berater von Deloitte & Touche, der sich auf Sport-Business spezialisiert hat.

Mit der Ausgliederung besteht auch die Möglichkeit, neue Kapitalquellen zu erschließen, in dem sich Geldgeber, Sponsoren an der Gesellschaft beteiligen. Paradebeispiel ist der FC Bayern, an dessen Aktiengesellschaft Adidas und Audi mit 200 Millionen Euro beteiligt sind. Die DFL will aber verhindern, dass sich Vereine in die Hände von Investoren geben und schreibt vor, dass der Verein an der Kapitalgesellschaft immer mit 50+1 Anteilen beteiligt bleiben muss und somit die Entscheidungsgewalt hat.

So wirtschaftlich sinnvoll die Umwandlung der Fußballabteilung in eine Kapitalgesellschaft ist, so schwierig ist sie mitunter aber auch umzusetzen, besonders im Verhältnis des Vereins zu seinen Mitgliedern und Fans. Es sind vor allem emotionale Gründe, die gegen eine Ausgliederung der Profiabteilung in eine GmbH angeführt werden. Mitglieder und Fans fürchten, dass ein Teil der Tradition verloren geht.

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