Es gibt Spiele, da braucht man keine Tabellensituation bemühen, um den Puls zu beschleunigen. Wenn die Kickers am Mittwochabend um 19 Uhr im Sparda-Bank-Hessen-Stadion den FSV Frankfurt empfangen, reicht ein Blick auf die Trikots, die Tribünen und die Historie. Mainderby in der Regionalliga Südwest – das ist für die rot-weiße Seite immer ein Heimspiel mit Ausrufezeichen, auch in dieser wechselhaften Saison.
Derby-Historie als psychologischer Rückenwind
Die nackten Zahlen lesen sich für OFC-Fans wie eine Liebeserklärung an dieses Duell. Elf Siege aus 16 Pflichtspielen gegen die Bornheimer, dazu vier Remis – nur einmal, im März 2019, schlug der FSV die Kickers überhaupt. Am Bieberer Berg wird die Bilanz zur Festung: sechs Heimsiege, ein torloses Remis, ein Torverhältnis von 26:2. Solche Werte prägen das Selbstbewusstsein, aber sie liefern in dieser Saison eben auch nur die halbe Wahrheit. Denn Konstanz ist nicht gerade das Markenzeichen des Teams vom Bieberer Berg. Mehr als zwei Siege in Serie gab es in dieser Spielzeit noch nie. Unter Trainer Mark Zimmermann könnte am Mittwoch eine kleine Premiere her – der dritte Sieg in Folge, dazu der dritte Heimsieg in Serie. Genau solche Wellen braucht es, wenn man den Anspruch formuliert, sich aus dem Tabellenmittelfeld wieder in Richtung der oberen Regionen zu schieben, wo ein Traditionsverein wie der OFC hingehört.
3:1 in Mainz – Sieg mit ordentlicher Mahnung
Wie man in dieses Derby geht, hat der 3:1-Erfolg beim TSV Schott Mainz ein paar Tage zuvor deutlich gemacht: mit einer Prise Demut. Ron Berlinski traf doppelt (Saisontore neun und zehn), Jona Borsum legte das 3:0 nach, dazu parierte Torwart Johannes Brinkies alles, was der Tabellenvorletzte an Großchancen auspackte. Zwei Bälle wurden zudem von Ronny Marcos auf der Linie geklärt. Für den Klassenerhalt war es ein dicker Schritt – der direkte Abstiegsrang ist vorerst verlassen. Zimmermann sprach trotzdem von „angefressen“ und „sprachlos“, weil die Defensivleistung über weite Strecken an der Schmerzgrenze war. Auch Routinier Sascha Korb forderte unmissverständlich, die Abstände zwischen den Mannschaftsteilen wieder in den Griff zu bekommen. Im Derby gegen einen Viertplatzierten, der gerne schnell umschaltet, kann sich das Team vom Bieberer Berg solche Löcher nicht leisten.
Niederländer-Duell und Personalpuzzle
Eine reizvolle Nebenhandlung bieten zwei Offensivleute aus den Niederlanden: Jelle Goselink auf der OFC-Seite, Cas Peters im Bornheimer Trikot. Die beiden kennen sich aus gemeinsamen Tagen bei TOP Oss, trinken gelegentlich Kaffee zusammen und wissen genau, welche Bedeutung dieses Spiel hat – in Offenbach genauso wie beim FSV. Goselink, zuletzt im Pokalduell 65 Minuten lang auf dem Platz, dürfte nach seinen Auftritten der vergangenen Wochen heiß auf die Startelf sein. Weniger Spaß verspricht der Kaderzettel an anderer Stelle: Marc Wachs plagt sich seit Anfang März mit einer Bauchmuskelverletzung herum, die er sich in Homburg zugezogen hat. Der Co-Kapitän fliegt in Kürze zu einem Spezialisten nach Berlin, Operation inklusive – die Saison ist für ihn vorzeitig beendet. Besonders bitter, weil sein Vertrag ausläuft, ein Angebot zur Verlängerung bislang aber nicht vorliegt. Ein Kickers-Sieg ist für Wachs nur vom Tribünensitz aus zu holen.
Blick über das Derby hinaus
Während sportlich der Klassenerhalt aus eigener Kraft das Maß aller Dinge ist, dreht Sport-Geschäftsführer Martin Pieckenhagen parallel schon am Kader für die kommende Saison. Viele Verträge laufen aus, Einsparungen sind nötig, und Pieckenhagen macht aus einem Umbruch keinen Hehl. Zum Scouting setzt er auf Datenfilter wie Impect, ergänzt durch Live-Besuche in Stadien und eine Gegneranalyse-Truppe – festangestellte Scouts sind im aktuellen Budget nicht drin. Auch die Zukunft von Zimmermann, dessen Vertrag ausläuft, will Pieckenhagen in Ruhe entscheiden: Erst sollen Fakten her, dann Unterschriften. Die erste Gelegenheit für ein kräftiges Ausrufezeichen gibt es heute Abend. Ein Derbysieg vor voller Hütte wäre nicht nur gut für Punktekonto und Stimmung, sondern auch für die Pläne, die in den Büros längst Form annehmen.