Bernd Nickel alias Dr. Hammer – “Den Bieberer Berg betrete ich nicht mehr”

VON THOMAS KILCHENSTEIN (Quelle: fr-online.de)

Am 29. Mai 1971 hat Bernd Nickel Fußballgeschichte geschrieben. Das wusste der junge Mann, damals 22 Jahre alt, seinerzeit natürlich noch nicht. Es war einfach nur ein wunderschönes, ein “sensationelles Tor”, wie der Linksfuß selbst heute noch sagt. Bernd Hölzenbein hatte geflankt und Nickel, mit dem Rücken zum Tor stehend, hatte per Fallrückzieher die Kugel ins Netz geschossen, “genau in den Winkel”. 17 Minuten waren gespielt an jenem 33. Spieltag in der Fußball-Bundesliga, es war das 1:0, und ein ganz wichtiges Tor.

Es ging gegen Kickers Offenbach, für beide Klubs ging es um nichts anderes als das nackte Überleben. Die Konstellation war diese: Am letzten Spieltag empfing die Eintracht Borussia Mönchengladbach, die Deutscher Meister werden wollte, die Kickers mussten zum 1. FC Köln. Beide Spiele waren im Grunde nicht zu gewinnen, also musste die Entscheidung über Abstieg oder Klassenerhalt an jenem vorletzten Spieltag fallen – Kickers oder Eintracht, nur der Sieger blieb drin. Bernd Hölzenbein schoss dann (62.) noch ein zweites Tor, die Eintracht blieb drin, die Kickers stiegen ab. Wadenbeißer Niko Semlitsch übrigens hat wiederum nicht so gute Erinnerungen an diesen 29. Mai: Er spielte erst gegen Nickel, dann sollte er auf Geheiß von OFC-Trainer Kuno Klötzer Bernd Hölzenbein beschatten. Beide bekam er nie in den Griff.

Tatsächlich verloren beide Klubs eine Woche später ihre Spiele, die Eintracht 1:4, die Kickers 2:4, und einen Tag später drückte ein gewisser Horst Gregorio Canellas bei einer Geburtstagsfeier auf den Knopf seines Tonbandgerätes – und dann enthüllte der damalige OFC-Präsident den Bundesligaskandal. Wer weiß, und jetzt kommen wir zur Fußball-Historie, was passiert wäre, “hätte ich das Tor nicht geschossen”, sagt Nickel, womöglich hätten die Kickers gewonnen, wären in der Liga geblieben und der Bestechungsskandal wäre nie ans Tageslicht gekommen.

Für Nickel hatte der herrliche Treffer, der zum Tor des Monats und auf den zweiten Platz beim Tor des Jahres 1971 gewählt wurde, ganz persönliche Auswirkungen: “Ich durfte nicht zum FC Bayern München.” Mit den Bayern war schon alles klar, bei Abstieg der Eintracht “wäre ich zu den Bayern gewechselt”, sagt Nickel. Er ist dann geblieben, spielte 426 Mal für die Eintracht zwischen 1967 und 1983, schoss 141 Tore, wurde drei Mal Pokalsieger, Uefa-Cup-Gewinner 1980 und wird seither in einem Atemzug mit den Eintracht-Legenden Jürgen Grabowski und Bernd Hölzenbein genannt.

“Dr. Hammer”, wegen seiner Schusskraft so genannt, hat so ziemlich alle Derbys mitgemacht, und immer hatten diese Spiele ihren ganz speziellen Reiz. “Ich habe lieber gegen Gladbach oder Bayern gespielt als gegen die Kickers”, sagt der heute 58-Jährige, der in Frankfurt lebt und in Herborn mit seiner Frau ein Sportgeschäft führt. Gegen die Kickers – da war “immer Gift im Spiel, da gab es regelrechte Hassgefühle.” Das begann schon vor dem Spiel, als man, wie das so üblich ist, den Rasen testete. “Da gab es keinen Augenkontakt, keine Begrüßung, die Kickers standen links, wir rechts.”

Im Spiel selbst ging es meist nickelig zur Sache, versteckte Fouls und Provokationen seien an der Tagesordnung gewesen. “Gerade der Winfried Schäfer, der oft gegen mich gespielt hat, oder auch Manfred Ritschel sind da ordentlich zur Sache gegangen”, erinnert er sich. “Die waren mit allen Wassern gewaschen.” Aber auch Nickel, inzwischen ein prima Golfspieler, war kein Kind von Traurigkeit: “Beim Hallenturnier in der Festhalle habe ich dann den Ritschel über die Bande gecheckt.” Es sei in diesen Spielen schließlich “um die Macht am Main gegangen”. In aller Regel “gab es für uns in Offenbach nichts zu holen”, sagt Nickel, obwohl die Eintracht oft geführt und die besseren Einzelspieler hatte, doch am Schluss haben die Kickers die Partie irgendwie noch gedreht. Einmal hat die Eintracht sogar fünf Stück kassiert, “da hat der Dr. Kunter wohl seine Haftschalen nicht richtig eingesetzt”, schmunzelt der einstige Scharfschütze, der freilich bis heute mit einem OFC-Spieler gut befreundet ist: Egon Schmidt. “Der war mein Kapitän in der Amateurnationalmannschaft, wir haben uns immer gut verstanden”, sagt Nickel.

Besonders unangenehme Erinnerungen hat Nickel an ein Pokalspiel. 1970 unterlag die Eintracht im Viertelfinale den Kickers mit 0:3 – ausgerechnet auch noch im heimischen Waldstadion. Hölzenbein hatte seinerzeit Libero gespielt, nach “20 Minuten führten die Offenbacher 3:0”. In diesem Spiel wurde er von Helmut Kremers böse gefoult, “noch heute habe ich Malheur mit dem Knie.” Die Wunde musste mit 14 Stichen genäht werden. Später wurde der OFC so gar Pokalsieger (2:1 gegen den 1. FC Köln).

Das Derby am 27. Februar wird sich Bernd Nickel nicht im Stadion anschauen. “Den Bieberer Berg betrete ich nicht mehr”, sagt er. Vor ein paar Jahren war er das letzte Mal dort, sein Sohn Frank spielte mit den Amateuren des VfL Marburg gegen die Kickers auf einem Nebenplatz, Vater Nickel schaute zu. “Ich wurde erkannt und prompt angemacht.” Er hat sich dann schnell aus dem Staub gemacht – zu schnell, wie sich herausstellen sollte: Auf der Heimfahrt, noch in Offenbach, ist er geblitzt worden.

http://www.fr-online.de/in_und_ausland/sport/kickers_offenbach/?em_cnt=1081034

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